In Deutschland wurden 2018 knapp 40 Prozent am Bruttostromverbrauch durch Erneuerbare Energien gedeckt. Gleichzeitig hält sich hartnäckig das Gerücht, dass EE-Strom vor allem kostet. Die jetzt aktualisierte und weiterentwickelte Studie des FEE-Mitglieds Friedrich-Alexander-Universität Nürnberg unter Leitung von Prof. Jürgen Karl rückt diese falsche Auffassung einmal mehr gerade.

 

In der 17. Legislaturperiode von 2009 bis 2013 (Kabinett Merkel II, CDU/CSU, FDP) gelang es dem Umweltminister Peter Altmaier (nach Ablösung von Norbert Röttgen ab 22. Mai 2012) vor allem die steigende EEG-Umlage als Ursache der Strompreissteigerungen in die öffentliche Debatte zu bringen. Ohne Zweifel verursachte der Ausbau Erneuerbarer Stromerzeugung durch die Einspeisevergütungen wachsende Kosten. Wie die folgende Grafik zeigt, bestand der Strompreisansteige aber bereits seit 2000 mit jährlich rund 6,2 %, ohne dass es einen maßgeblichen Anteil von EE-Strom gegeben hatte. Wie die Grafik weiter zeigt, waren dafür vor allem Beschaffungskosten verantwortlich und eine Reihe von staatlichen Steuern und Abgaben.

 

Studie 1

 

Eher unbekannt ist in der Öffentlichkeit, dass die erneuerbar erzeugten Strommengen seit 2010 über die Börse angeboten werden und dort zu Preissenkungseffekten aufgrund des sogenannten „Merit-Order-Effekts“ führen. Den Hintergrund bildete dafür ein Europäisches Stromhandelssystem und die Liberalisierung der Energiemärkte, die in den 1990er Jahren eingeführt wurde, um in einer monopolisierten Branche für Wettbewerb zum Vorteil von Kunden zu sorgen.

Die Debatte um den Klimaschutz, die zunächst als Innovationsprojekt für Erneuerbare Energien wahrgenommen wurde, brachte dann seit 2000 einen anderen Impuls in die Diskussion. Nicht nur der Preis sollte das entscheidende Kriterium für die Marktregeln sein sondern auch die Qualität, zunächst vor allem um von Importen unabhängiger zu werden.

 

Ergebnisse der aktuellen Studie

In der 2015 veröffentlichten FAU Strompreisstudie wurde gezeigt, dass Wind und Photovoltaik durch ihre Vermarktung über die Börse aufgrund des sogenannten „Merit-Order-Effekts" zur Absenkung der Börsenstrompreise beitrugen (auch Leitindikator für den Stromhandel).

 

Studie 2

 

Verrechnet mit den Kosten der jeweiligen EEG-Umlage entstand durch diese Absenkung ein Nettoeffekt, der den bundesdeutschen Letztverbrauchern in den Jahren 2011 bis 2013 etwa 30 Mrd. Euro einsparte. Auf der Grundlage historischer Börsenpreise wurde rekonstruiert, wie sich die Großhandelspreise für Strom ohne das wachsende Angebot erneuerbarer Energien entwickelt hätten. In dem jetzt veröffentlichten Diskussionspapier wurde als Update der Einfluss von Wind und PV auf die Großhandelspreise in den Jahren 2014 bis 2018 untersucht.

 

Studie 3

 

Auch in den Jahren 2014 bis 2018 reduzierten demnach Wind und Photovoltaik die Großhandelspreise signifikant. Der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung sparte deshalb bundesdeutschen Letztverbrauchern in diesen Jahren insgesamt etwa 40 Mrd. Euro ein. Insgesamt fielen von 2011 bis 2018 156,8 Mrd. Euro für die EEG-Umlage an (EEG Differenzkosten). Dem stehen Kosten i.H.v. 227,4 Mrd. Euro gegenüber, die ohne die Einspeisung Wind und PV angefallen wären. Erneuerbare Energien sparten den Verbrauchern also insgesamt 70,6 Mrd. Euro.  Auf Basis der daraus gewonnenen Erkenntnisse wurde auch der Einfluss des Kohlekompromisses und des geplanten Ausbaus an Erneuerbaren auf zukünftige Preise und Treibhausgasemissionen abgeschätzt. Dabei wurde das Szenario A2030 des Netzentwicklungsplanes zugrundegelegt.

 

Studie 4

 

Die resultierenden CO2-Emissionen wurden ermittelt. Mit dem aktuell gültigen Ausbaukorridor des EEG und den Meilensteinen des Kohlekompromisses werden die CO2-Minderungsziele der Bundesregierung weit verfehlt. Die folgende Grafik zeigt, dass der Zubau Erneuerbarer Energien mindestens vervierfacht werden müsste, um die CO2-Minderungsziele zu erreichen.

 

Studie 5

 

Um zukünftig starke Strompreissteigerungen zu vermeiden, muss der Ausbau erneuerbarer Energien verdreifacht werden sowie signifikante Speicherkapazitäten geschaffen werden. Der überalterte deutsche Kraftwerkspark sowie die in Zukunft vom Netz gehenden konventionellen und nuklearen Kraftwerkskapazitäten werden zukünftig vermehrt zu Situationen mit hohen Preisen führen.

 

Studie 6

 

Es ist den unermüdlichen Pionieren zu verdanken, dass aus einer verkrusteten Energieversorgungsunternehmensstruktur in Deutschland ein lebendiges System von Erneuerern und Nacheilenden geworden ist. Die starke Auseinandersetzung um die Akzeptanz für Erneuerbare Stromerzeugungsanlagen führt uns aber noch einmal deutlich vor Augen, dass wir grundsätzlichere Veränderungen im Denken und Handeln brauchen. Vor Ort müssen Menschen in demokratischen Prozessen eine Antwort finden, wie dekarbonisierte Energieversorgung im Allgemeinen und im Stromsektor im Besonderen organisiert werden kann. Einige Stadtwerke, wie beispielsweise das FEE-Mitglied Stadtwerke Rosenheim gehen dabei voran, viele andere halten sich immer noch zurück. Erneuerbare Stromanbieter wie EWS, aber auch Naturstrom oder Lichtblick und andere müssen sich immer noch behindert durch einen alten Rechtsrahmen mühsam ihre Kunden suchen. 

 

Zur verwendeten Methode

Die Rekonstruktion der Börsenstrompreise „ohne Wind und PV" basiert auf dem im Großhandel ermittelten Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Ohne Wind und PV hätte sich das Strom-„Angebot" verringert, die Nachfrage nach konventioneller Kraftwerksleistung wäre gestiegen. Es hätten mehr und teurere konventionelle Kraftwerksleistung eingesetzt werden müssen („Merit-Order Effekt").  Mithilfe historischer, stundenaufgelöster Angebots- und Nachfragekurven der Strombörse EPEX wurde eine sog. „Grenzkostenkurve" des konventionellen Kraftwerksparks erstellt. Diese zeigt, zu welchem Preis eine geforderte Erzeugungsleistung an der Börse minimal gehandelt wurde.  Mithilfe der ermittelten Grenzkostenkurve kann so für jede Stunde des Jahres rekonstruiert werden, wie viel teurer der Strom gewesen wäre, hätten Wind und PV nicht eingespeist.

 

Pressekonferenz

 

Präsentation der Studienergebnisse am 11. Oktober 2019 in Berlin.

Von rechts nach links: Sebastian Kolb, M.Sc., Prof. Dr. Jürgen Karl (beide Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), Sebastian Sladek (Vorstand EWS), Dr. René Mono (Vorstand Bündnis Bürgerenergie), Dr. Georg Wagener-Lohse, Vorstand FEE