Interview mit Taco Holthuizen, Geschäftsführer des Planungsbüros eZeit Ingenieure zu einer gelingenden Energie- und Ressourceneffizienz im Bereich Wohnen und Bauen.

Herr Holthuizen, „Energieeffizienz durch größtmögliche Dämmung“ ist das Motto unserer Zeit. Sie haben bei der energetischen Sanierung von Mehrfamilienhäusern in Berlin-Lichterfelde einen anderen Weg beschritten – wie sieht dieser aus?

Die Kosteneffizienz der Baumaßnahmen hinsichtlich ihres Energieeinsparpotentials stand von Anfang an im Mittelpunkt unserer Überlegung, da die Mehrheit der Mieter bereits das Pensionsalter erreicht hatte und eine Erhöhung der Bruttowarmmiete eine Reduktion des für den Lebensunterhalt zur Verfügung stehenden Geldes bedeutet hätte. Da liegt es nahe, sich von Ideologien zu verabschieden und stattdessen sich im Vorfeld der Planung Gedanken darüber zu machen, wie mit Energie- UND Ressourceneffizienz und eine darauf abgestimmte Finanzierung eine warmmietenneutrale Modernisierung der Wohnanlage erreicht werden könnte.

Was verstehen Sie konkret unter Energie- und Ressourceneffizienz?

Es bedeutet nichts anderes als maximale Reduktion des Energieverbrauchs mit dem geringstmöglichen Ressourcen- bzw. Materialaufwand in Gebäudehülle und Haustechnik, zudem werden nach dieser Logik die Investitions- und Betriebskosten reduziert. Im Fokus des Planungsprozess stehen somit der Ressourceneinsatz zum Bau der Gebäude sowie der behutsame Umgang mit erneuerbarer Energie (EE) zur Gebäudetemperierung. Beide stellen global betrachtet ein knappes Gut dar und stehen nur begrenzt zur Verfügung.

 

Wieso fokussieren Sie sich besonders auf Sonnenenergie und Geothermie?

Diese ist in Hülle und Fülle vorhanden, im Regelfall sogar gratis. Wir haben deshalb weniger ein Energieproblem als vielmehr ein Speicher- und Regelungsproblem, denn Erneuerbare Energien stehen oft im Winter nicht ausreichend zur Verfügung.

 

Was tun?

Sommerliche Überschüsse über solarthermische Anlagen lassen sich einfach und effektiv über Erdspeicher puffern. Diese Pufferspeicher bestehen aus dem vorhandenen Erdreich, gleichzeitig dienen sie vor allem im Winter als oberflächennahe, geothermische Quelle. Durch solare Überschüsse im Sommer, aber auch solare Einträge im Winter, wird das Erdreich erwärmt, über Wärmepumpen wird diese thermische Energie den Nutzern zur Verfügung gestellt. Die Systemjahresarbeitszahl der Erdwärmepumpe wird durch die solaren Erträge deutlich erhöht und benötigt dementsprechend weniger Strom. Damit wird der Anteil fossiler Energien an der Gebäudetemperierung erheblich gesenkt.

In Ihrer Arbeit setzen Sie sich auch mit den Klimaschutzzielen der Bundesregierung auseinander. Diese will den Primärenergieverbrauch im Gebäudebereich auf 40 Kilowattstunden pro Quadratmeter senken. Wieso sehen Sie dieses Ziel gefährdet?

Theoretisch könnte die kostenintensive Dämmwertverbesserung der Gebäudehülle erheblich optimiert und reduziert werden. Die Fördergrundsätze der KfW stehen dem aber entgegen, da leider nicht Energie- UND Ressourceneffizienz im Mittelpunkt der Förderung steht, sondern lediglich Energieeffizienz. Das ist von zentraler Bedeutung, da diese Förderbedingungen das energiepolitische Denken der Bundesregierung widerspiegeln, in dem die energetische Bilanzierung des Ressourceneinsatzes, Stichwort „Graue Energie“, schlicht keine Rolle spielt!

Wenn nun viel EE zum Einsatz kommt, was ebenfalls der zukünftigen politischen Zielsetzung entspricht, werden durch die KfW-Förderlogik der Ressourcenverbrauch und dementsprechend die auf den Mieter umlagefähigen Kosten erhöht.

Sie sehen hier ein Systemversagen?

Allerdings. Bereits 2016 konnten wir bei den ersten Gebäuden den jährlichen Primärenergieverbrauch nachweislich auf ca. 25 Kilowattstunden pro Quadratmeter senken. Zur Erinnerung: Bis 2050 soll dieser bei durchschnittlich 40 Kilowattstunden liegen. Dies entspricht der Qualität eines KfW 55- bis KfW 40-Standards, gedämmt wurde aber lediglich nach einem KfW 85-Standard. Wenn die Gebäude nach der aktuellen Förderrichtlinie gebaut worden wären, hätte die Genossenschaft ca. 6.500 € pro Wohneinheit bzw. 117.000 € pro Gebäude mehr erhalten, dafür hätte sie aber mindestens zehn weitere Zentimeter Dämmung auf die Fassade aufgetragen müssen. Das wäre vor dem Hintergrund der ökologischen, energetischen und wirtschaftlichen Bewertung des Ressourceneinsatzes niemals zu rechtfertigen gewesen.

Aber der Dämmwert steht nach wie vor im Vordergrund?

In der Tat. Die Höhe der KfW-Förderung, insbesondere des Teilschulderlasses, wird bei einem auf EE-basierenden Heizsystem in erster Linie eben nicht durch den Primärenergieverbrauch bestimmt, sondern durch den Dämmwert des Gebäudes. Damit steht die Reduktion der fossilen Energien zur Gebäudetemperierung nicht im Fokus. Diese Ressourcenverschwendung muss gestoppt werden!

Leider ist das in der Branche keine Selbstverständlichkeit, die konkret erreichte Energieersparnis zu kennen. Wie kommt es, dass nach einer energetischen Sanierung der nun bestehende Energieverbrauch so selten gemessen und überprüft wird?

Hierfür gibt es viele Gründe. Dazu gehören fehlendes Wissen über anlagentechnische Zusammenhänge, die Kosten des Monitorings oder schlicht Ignoranz.

Bei dem hohen technischen Ausbildungsstandard in Deutschland sehen Sie den Hauptgrund  in fehlendem Wissen – wirklich?

Es fehlen schlichtweg Kenntnisse über die Höhe der möglichen Energieeinsparung und des Aufwandes. Den Aufwand hat zuerst einmal der Immobilieneigentümer zu tragen, mögliche Energiekosteneinsparungen kommen aber dem Mieter zugute. Wie so oft zeigt sich hier das Mieter-Investor-Dilemma, warum also handeln? Im Klartext: Ohne Monitoring zahlen Mieter und Umwelt die Zeche!

 

Welche Änderungen würden die Branche voranbringen?

Bereits durch geringinvestive Maßnahmen könnte ein erhebliches Energieeinsparpotential gehoben werden. Jede Anlagentechnik muss auf das Nutzerverhalten abgestimmt werden. Effizienzverbesserungen bis zu 30 % sind in der Regel einfach zu erreichen, sie können aber weit darüber hinaus reichen. Die meisten Anlagen finden sich noch nach Jahrzehnten im Modus der Werksauslieferung, das heißt, sie wurden nie auf das Nutzerverhalten abgestimmt. Es liegt also nahe, dass ein Monitoring dem Nutzer zugutekommt. Stellen Sie sich hier eine Förderung vor, deren Höhe durch die nachgewiesene Effizienzsteigerung bestimmt wird! In dem Fall gewinnen alle: Der Investor, der Nutzer und die Umwelt.

 

Wie könnte so ein Monitoring realisiert werden?

Momentan ist dieses kaum möglich. Denn die aktuelle Abrechnungslogik des Energieverbrauchs stellt für uns ein schwerwiegendes Problem dar. Man muss sich dazu vor Augen führen, dass wir seit 2002 nach einer sich permanent verändernden EnEV planen und bauen müssen, im Ergebnis aber kein Instrument zur Hand haben, nachdem sich nun der tatsächliche Energieverbrauch in den umgesetzten Gebäuden messen lässt. Niemand kennt seine Energiekosten zur Gebäudetemperierung, weil schlicht und einfach die Heizkostenverordnung nie entsprechend angepasst wurde!

Wie meinen Sie das: Niemand kenne seine Energiekosten?!

Überlegen Sie bitte, wie hoch die Energiekosten in Ihrem Wohnraum sind! Sie können vielleicht die Gas-, Öl-, Pellet- oder Strommenge der Wärmepumpe beziffern, nicht aber die Strommenge zum Betrieb dieser Haupterzeugeranlagen, oder die Strommenge für die Lüftung, Wärmeverteilung und Steuerung! Sie haben wahrscheinlich auch kein Gefühl dafür, wie hoch der Anteil dieser Neben-Strommenge gegenüber der Energiemenge der Haupterzeugeranlage ist, dabei kann diese Werte von 25 %, 50 % oder aber auch 60 % erreichen.

 

Diese Erkenntnis lässt einen zugegebenermaßen konsterniert zurück.

Wir müssen uns eingestehen, dass wir 18 Jahre nach Einführung der EnEV hinsichtlich eines Soll-Ist-Vergleiches immer noch im Dunkeln tappen, weil schlicht und einfach ein verbindliches Messkonzept fehlt. Daher kann eine Planung nicht mit den Ergebnissen des Betriebs verglichen werden. Die gute Nachricht: Ein für alle verbindliches Messkonzept könnte unter Umständen ohne Mehrkosten umgesetzt werden und wäre Basis für eine ehrliche Energiemengenbetrachtung.

Zurück zu den Mehrfamilienhäusern in Berlin-Lichterfelde - was wurde dort durch die Sanierung erreicht?

Die Siedlung kann bis 2050 durch Energie- UND Ressourceneffizienz den jährlichen Primärenergieverbrauch von heute 25 auf nur noch knapp 5 Kilowattstunden pro Quadratmeter senken. Und zwar ohne, dass an der Anlagentechnik oder der Gebäudehülle noch etwas verändert werden müsste.

Generell können im Bereich Bauen und Wohnen die Energie- UND Ressourceneffizienz und damit die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen noch erheblich gesteigert werden! Denn weder Kosten noch Technik noch Wissen behindern die Umsetzung der Energiewende, sondern Idealismen, vielleicht Politik aber sicher die Gesetzgebung. Dafür lohnt es sich zu kommunizieren und zu streiten.

Herr Holthuizen, vielen Dank für das Gespräch!